Autor_Innensonntag: Toxische Positivität (#onlygoodvibes)

Dicke Tropfen prasseln auf das Terrassendach. Dicke Wolken bedecken den Himmel, der gestern noch so zauberhaft strahlte. Wind reißt an den gehissten Fahnen in Nachbarsgarten und der Pool füllt sich wieder einmal von selbst auf – mit Regenwasser. Ähnlich fühlt es sich an, wenn ich mich mal wieder #onlygoodvibes

herunterziehen lasse. Vom wolkenlosen Blauen Himmel, hinab in die dunkle Tiefsee. Eigentlich will ich das nicht. Eigentlich weiß ich, dass das Leben dieser Menschen, nicht immer aus bunter Glasur besteht. Und doch muss ich zugeben, dass mich diese sogenannte toxische Positivität oft schon heruntergezogen hat. Was stimmt mit mir nicht? Warum haben alle dieses große Glück? Sie tun so viel mehr als ich dafür. Sie kämpfen wohl mehr für das, was sie wollen. Macht ich tatsächlich alles falsch? Momente, die dafür sorgen, dass ich mich nutzlos fühle – klein und mir das Gefühl vermitteln, dass ich die einzige bin, die manchmal auf der Stelle steht. Die nur langsam voran kommt. Die ihre Träume aus verschiedenen Gründen nicht oder nur langsam verwirklichen kann.
Doch muss ich auch zugeben, dass ich mit dieser toxischen Positivität nur wenig im Buchleben oder Autor_innenleben konfrontiert werde. Ist es wirklich weniger oder tangiert es mich nicht so intensiv, wie in anderen Bereichen?
Ich bin mit Autor_innen befreundet, habe gute und herzliche Kontakte zu Schreibenden. Bei manchen lese und sehe ich nur den geradlinigen, positiven Weg, doch sehr viele zeigen und berichten auch, dass das Leben als Autor_in nicht nur aus Glitzer und und Applaus besteht. Sie kommunizieren es und geben einem das Gefühl, nicht alleine zu sein. Ach, dir geht es auch so? Das hätte ich nie gedacht.
Diese #toxicpositivity, von der ich vorher nicht mal wusste, dass sie einen Namen trägt, verspüre ich eher aus einem anderen Bereich meines Lebens. Ein Bereich der mir eigentlich Spaß macht, aber … Egal wie scheiße es läuft: Lächeln & Daumen hoch! Alles ist super, alle sind auf der Zielgeraden zum großen Durchbruch. Karriere ich komme! Und ich? Ich stehe da im Regen, unter dicken, grauen Wolken, der Wind pfeift um meine Ohren und ich friere. Genau so fühlt man sich, wenn man eben nicht auf diesen Zug aufspringen kann, aufspringen will, wie auch immer.
Natürlich muss man versuchen, nach dem Positiven zu greifen. Sich motivieren lassen! Aber nicht jeder fühlt sich dadurch auch bestärkt. Wir alle dürfen auch mal jammern, gerne auch gemeinsam (gemeinsam ist man bekanntlich weniger allein) Niederlagen zugeben oder zeigen, dass man gerade einfach keine gute Zeit hat.Positivität ist überlebenswichtig, sie ist Motivation und Vorankommen.

Toxisch wird sie erst, wenn wir uns vorgaukeln lassen, dass es keine Sorgen, Nöte und Probleme gibt. Wenn die rosarote Brille nicht mehr nur ein Accessoire ist, sondern ein in Stein gemeißelter Eindruck des Lebens.

Eure Feder

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